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- AgrarKulturerbe-Preis

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Graß, Konrad, Dr.

Beschreibung
(Spezialist für die Landwirtschaft in Hessen)
Hessen stellt ein Bundesland der Mitte dar. Nicht nur, dass dieses Land in der Mitte der Bundesrepublik Deutschland liegt, es herrschen auch mittlere Bedingungen vor, wenn man die Voraussetzungen für die landwirtschaftliche Produktion anschaut. Extreme Verhältnisse gibt es in Hessen weder in klimatischer noch in bodenkundlicher Sicht.
Hessen ist ein Land mit ausgeprägten Ackerebenen wie z. B. der Wetterau, dem Amöneburger Becken und der Niederhessischen Senke, die sich durch Nordhessen weiter bis in die Warburger Börde zieht. In Südhessen sind es der Rheingraben und das Hessische Ried, die sich inzwischen mit Beregnung und bei entsprechenden Durchschnittstemperaturen zu intensiven Sonderkulturanbaugebieten mit u.a. Spargel, Feldgemüse, Kräutern, Obstanbau und Weinanbau (Rheingau) entwickelt haben.
Das Bundesland Hessen hat in allen Landesteilen ausgeprägte Mittelgebirgslagen. Sie beginnen im Süden mit dem Odenwald und setzen sich mit den Ausläufern des Spessarts fort. Der Taunus, der Vogelsberg. die Rhön, der Habichtswald. der Reinhardswald und das Waldeckische Upland sowie die Ausläufer des Rheinischen Schiefergebirges prägen die Landschaft. Hier findet weniger der intensive Ackerbau statt. Vielmehr werden die Grünlandwirtschaft und der Futterbau betrieben.
Hessen war seit jeher das Land der relativ klein strukturierten Landwirtschaft. Das trifft stärker für den mittel- und südhessischen Teil zu, der traditionelles Realteilungsgebiet war. Diese Strukturen haben sich lange erhalten, ja sie sind heute noch vorhanden. Das liegt daran, dass es in Süd- und Mittelhessen immer genügend Arbeitsplätze in relativer Nähe zu den Wohnorten gibt und gab. Die Menschen aus den ungünstigeren Mittelgebirgslagen haben zwar lange Wege zur Arbeit auf sich genommen, blieben aber bodenständig und bewirtschafteten ihr kleinen Betriebe im Nebenerwerb bzw. verpachten sie zunehmend. Die Struktur war gekennzeichnet durch wenige Großbetriebe und viele Kleinbetriebe. Sie hat sich auch deswegen so lange erhalten, weil es in den dicht besiedelten Landesteilen immer die Möglichkeit der Direktvermarktung und des Baulandverkaufes gab. Das verhindert auch heute noch eine Bereinigung der Struktur. Das bedeutet, dass der Pachtanteil der existierenden landwirtschaftlichen Betriebe laufend größer wird.
Im nördlichen Landesteil sieht das bei anderem Erbrecht (Ältestenrecht) anders aus. Zwar gab es immer Großbetriebe, aber es hat sich eine Fülle von bäuerlichen Betrieben entwickelt, begleitet auch von kleineren Nebenerwerbsbetrieben. Wegen mangelnder Arbeitsplätze im außerlandwirtschaftlichen Bereich wanderten viele Menschen ab, und das frei werdende Land konnte schon früher zur Aufstockung der verbleibenden Betriebe genutzt werden.
In diesen Aussagen zur Struktur der Betriebe stecken zwar Widersprüche, aber die Tendenz stimmt, weil alles möglich ist und der Landeigentümer selbst entscheidet.
Von der Landesfläche Hessens werden 40 % als Wald, 43 % als Landwirtschaftliche Nutzfläche, der Rest als Verkehrs-, Siedlungs- und Wasserfläche ausgewiesen. Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe nach Größenklassen ist davon geprägt, dass die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe rasant abnimmt, ja die Rate der aufgegebenen Betriebe nimmt noch zu. Zurzeit werden diese frei werdenden Flächen noch von den wachsenden Betrieben aufgenommen. Brachland gibt es in Hessen mit Ausnahme der gesetzlichen Verpflichtungen fast nicht. Die sog. Sozialbrache spielte allerdings in den 70er Jahren in den Mittelgebirgslagen Westhessens eine gewisse Rolle, ist heute aber ohne Bedeutung, weil diese Flächen z.B. mit Mutterkühen genutzt werden. Diese Situation kann sich aber durch die kommenden agrarpolitischen Vorgaben der EU rasch ändern. Dann werden die Grenzertragsböden der Mittelgebirgslagen kaum noch rationell bewirtschaftet werden können. Die Wachstumsschwelle liegt heute bei den Betrieben von 75 bis 100 ha und mehr. Die mittlere Flächenausstattung der Betriebe hat sich seit 1991 (16,8 ha) bis 2003 mit 29,9 ha um mehr als 75 % verbessert.
Hessen ist ein klassisches Land der Nebenerwerbslandwirtschaft. So beträgt deren Anteil an der Zahl der existierenden Betriebe mit 65,7 % fast zwei Drittel. Die Zahl der Haupterwerbsbetriebe zeigt eine sinkende Tendenz, sie erreicht jetzt schon bald die Zahl von 10.000 Betrieben. Schätzungen gehen von 5.000 bis 7.000 Betrieben im Jahr 2015 aus. Der Flächenanteil der Nebenerwerbsbetriebe beträgt immerhin 32 Prozent, eine Größenordnung mit durchaus politischem Gewicht, was z. B. Fördermaßnahmen anbelangt.
Zurzeit werden in Hessen etwa 50 % der Betriebe als Marktfruchtbaubetriebe geführt, 35 % betreiben Futterbau, 5 % sind als Dauerkulturbetriebe (Reben), und drei Prozent als reine Veredelungsbetriebe geführt. Die Differenz zu 100 Prozent besteht aus Gemischtbetrieben.
Die Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen von heute ca.750.000 Hektar erfolgt zu ca. 64 Prozent als Ackerland und zu 36 Prozent als Grünland. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten 50 Jahren nur unwesentlich verändert, obwohl die LN von 1950 bis heute von etwa 1.045 Mio. ha auf ca. 750.000 ha und damit um mehr als 28 % zurückgegangen ist. Eine Verringerung des Flächenverbrauchs für Siedlungs- und Verkehrsflächen ist derzeit noch nicht absehbar. Sonderkulturen und Haus - und Nutzgärten spielen mit rund 5.400 ha in der Flächenstatistik eine untergeordnete Rolle.
Auf dem Ackerland wird überwiegend Getreide angebaut, zu Beginn der 1970er Jahre mit fast 70 % Anteil an der Ackerfläche, heute bei gestiegenem Mais- und Rapsanbau immerhin noch
63 Prozent. Die Hauptgetreideart ist zweifellos der Weizen, der seinen Anteil von 23,6 %
1950 auf heute 46 % an der Getreidefläche steigern konnte. Das geschah auf Kosten des Roggens, der heute nur noch einen Anteil von 6,8 % im Vergleich zu 35,4 Prozent 1950 aufweist. Auch die Wintergerste als bevorzugtes Futtergetreide nahm von 2,5 % auf 25,3 % im Jahr 2000 zu.
In der gleichen Zeit stieg der Rapsanteil von 0,9 % auf 10,7 %, und der Anteil der Kartoffel fiel von 15,5% auf 1,1 % im Jahr 2000. Der Silomais, der heute die Hauptfutterpflanze geworden ist, hat eine Flächenanteil von ca. 7,5 % und die Brache, 1971 mit 0,3 % ausgewiesen, liegt heute bei 6,7 %. Diese Änderungen wurden durch die agrarpolitischen Vorgaben der EU hervorgerufen.
In den vergangenen 50 Jahren hat die Ertragsentwicklung bei allen Kulturpflanzen einen früher ungeahnten Aufschwung genommen. Lagen die Durchschnittserträge für Weizen im Jahre 1900 noch bei 20,7 dt/ha und für Roggen bei 19,6 dt/ha, so stiegen sie bis 1950 auf 27,5 und 23,6 dt/ha. Im Jahr 2000 lag der Weizenertrag in Hessen bei 71 ,9 dt und bei Roggen 58,8 dt/ha. Dieser gewaltige Ertragsanstieg ist auch bei den anderen Kulturpflanzen wie Gerste, Raps, Kartoffeln, Zuckerrüben und Mais festzustellen. Er wird auf eine Verbesserung der agrotechnischen Maßnahmen, Pflanzenzüchtung, Düngung, Pflanzenschutz, Bodenbearbeitung und Optimierung der Ernteverfahren zurückgeführt. Über den Anteil der einzelnen Maßnahmen lässt sich herrlich streiten. Sicher ist aber ein überproportionaler Anteil der Pflanzenzüchtung an diesem Erfolg. Ob ein weiterer Schub in der Pflanzenzüchtung durch gentechnische Maßnahmen erfolgt, ist zurzeit nicht absehbar.
Die Tierproduktion nimmt in Hessen einen beachtlichen Anteil ein. Immerhin kommen nach wie vor ca. 70 Prozent der Einnahmen der Landwirte aus der tierischen Veredelung. Allerdings ist Hessen kein Land mit intensiver Tierhaltung. Die von der EU vorgegebenen Grenzen werden immer eingehalten. Im Schnitt wird weit weniger als eine Großvieheinheit pro Hektar LN gehalten.
Durch die Quotierung der Milch hat sich die Milchkuhhaltung mehr und mehr in die Grünlandgebiete zurückgezogen. Aufgrund des technischen Fortschrittes ist sie aus den größeren Zuckerrübenbetrieben weitgehend verschwunden.
Gab es 1970 noch 72.600 Betriebe mit Milchkuhhaltung und einer durchschnittlichen Zahl von 5,1 Kühen pro Betrieb, so liegen diese Werte 2003 bei 5.1 00 Milchvieh haltenden Betrieben und im Schnitt 29.6 Milchkühen je Betrieb. Die Zahl der Milchkühe in Hessen ging von 372.000 im Jahr 1970 auf 152.000 im Jahr 2003 zurück. Das war gleichzeitig mit einer gewaltigen Leistungssteigerung verbunden, denn die erzeugte Milch in Hessen liegt seit Jahren konstant etwa bei 1 Millionen Tonnen Milch. Die durchschnittliche Leistung der Milchkühe in Hessen beträgt zurzeit etwa 6.500 kg im Jahr, die der kontrollierten Herdbuchkühe knapp 8.000 kg. Herden mit einem Schnitt vom 10.000 kg pro Kuh sowie Herden über 150 oder gar über 200 Milchkühen sind wie in anderen Bundesländern auch in Hessen vorhanden.
Die Zahl der Mutterkühe liegt bei etwa 40.500 Tieren mit langsam steigender Tendenz. Sie ist begrenzt durch die Zahl der von der EU gewährten Prämien
Auch die Schweinehaltung hat in Hessen eine interessante Entwicklung genommen. Gab es 1970 noch l08.000 Betriebe mit Schweinehaltung und im Schnitt 4,6 Tieren je Betrieb, so lag die Zahl der Schweine haltenden Betriebe 2003 bei 11.1 00 mit durchschnittlich 76,2 Schweinen je Betrieb. Die Zahl der gehaltenen Schweine im Hessen ging im gleichen Zeitraum von 1,5 Mio. auf 83O.000 zurück. Während im Regierungsbezirk Darmstadt heute nur noch ca. 150.000 Schweine mit stark fallender Tendenz gehalten werden, sind es im Regierungsbezirk Kassel ca. 490.000 Schweine. Im dritten Regierungsbezirk Gießen stehen noch 183.000 Schweine in den Ställen. Das deutliche Gefälle von Nord nach Süd erklärt sich aus der Besiedlungsdichte. In Südhessen ist es kaum noch möglich, neue Produktionsstätten zu bauen, Bürgerproteste und enge Abstandsregelungen verhindern dieses. Hingegen konnten im Nordhessen in den letzten Jahren eine Reihe von modernen Mastställen mit hohen Besatzzahlen gebaut werden.
Dort, wo sich die Rinderhalter zurückziehen, tauchen wieder Pferde und Schafe auf. Pferdehaltung in Form der Pension ist in den Weichbildern der Städte eine lukrative Angelegenheit, zumal dann wenn der Service rund um das Pferd mit angeboten wird. Zurzeit sind in Hessen wieder rund 35.000 Pferde registriert.
Schafe als Wiederkäuer und ebenso die Ziegen weiden die Naturschutzgebiete und die nicht mehr von den Rindern benötigten Grasflächen ab. Mit stark steigender Tendenz gibt es zurzeit ca. 190.000 Schafe und 10.000 Ziegen. Weitere Formen der landwirtschaftlichen Tierhaltung wie Hühner, Masthähnchen und Putenmast spielen keine entscheidende Rolle. Erwähnt seien noch die ca. 55.000 Bienevölker, deren Zahl in den letzten 10 Jahren um etwa 10.000 Völker abnahm.
Im Vergleich zu den anderen Bundesländern nimmt Hessen, was Betriebsstruktur, Nutzung und Ertrag anbetrifft, keine Spitzenstellung ein, kann aber eine gute Mittelstellung behaupten. Die Agrarstrukturen in Hessen haben sich als erstaunlich haltbar erwiesen. Dies ist vor allem auf die vielfältigen Zuerwerbsmöglichkeiten in Ballungsgebieten zurückzuführen, wie Direktvermarktung, Baulandverkauf, Reitpferdehaltung und außerbetrieblicher Verdienst. Für Viele gibt es keinen Grund, die kleinen Betriebe aufzugeben, im Gegenteil, Landwirtschaft wird als Hobby betrieben. (Text: Dr. Konrad Graß. Das Datenmaterial stammt aus dem Hessischen Statistischen Landesamt Wiesbaden.)